Verein Historie

Die Geschichte der Turnerschaft

"Es ist erreicht!" - Die Turnerschaft wird gegründet

 Am 24. August 1906, auf der Höhe des Kaiserreiches unter Wilhelm II, fand in der Gastwirtschaft Kornwebel die Gründungsversammlung der Turnerschaft Rahm statt. 26 Männer, die damals zu den tonangebenden Bürgern in Rahm gehörten, waren die Gründungsmitglieder. Das sorgfältig geführte Protokollbuch des Vereins gibt Auskunft, daß "als Stamm und Vereinslokal die Gastwirtschaft Kornwebel hierselbst gewählt (wurde) und uns (...) Herr Kornwebel seinen Saal zu den Turnabenden mittwochs und samstags zur Verfügung (stellte)". Der Monatsbeitrag wurde auf 0,30 Mark und das Einschreibegeld auf 1,50 Mark festgesetzt. Jedes Mitglied sollte sich eine einheitliche Kleidung anschaffen, "und zwar lange weiße Hose, weißes Turntrikot, schwarzer Gummigürtel, weiße Schuhe". Zwei Jahre später wurde übrigens die Anschaffung einer einheitlichen Kopfbedeckung - eine Schiffermütze - beschlossen.

 


Dörfliche Bedeutung der Turnerschaft

Das Turnen übrigens ohne echten Wettkampf Charakter war aber nur die eine Seite der Aktivitäten des Turnvereins. Viel wichtiger war der gesellschaftliche Aspekt: Rahm brauchte offenbar eine derartige Vereinigung, denn anders ist es kaum zu erklären, daß Ende 1908 bereits 79 passive Mitglieder neben 25 Aktiven und 16 Turnschülern ("Zöglingen") eingeschrieben waren. Fast jeder, der im Ort etwas auf sich hielt, trat bei. Selbst der legendäre Bürgermeister Karl Baasel aus Angermund zeigte Interesse, wurde zum Ehrenmitglied ernannt und versprach, "eine eifrige Stütze des Vereins werden zu wollen"(Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 38 Jahre Bürgermeister). Diese Stütze war er in der Tat, denn nur wenige Monate nach der Zuerkennung der Ehrenmitgliedschaft finden wir unter dem 18. August 1908 im Protokoll, " daß die Gemeinde Rahm Angermund auf Antrag unseres Ehrenmitgliedes Herrn Bürgermeister Karl Baasel dem Verein eine einmalige Unterstützung von 50 Mark überwiesen habe, welche mit Dank angenommen wurden."



Die Gründer der TS Rahm 1906 (v.l.n.r.): Hermann Maaßen, Hugo Kamp, Wilhelm Knaup, Hubert Bruchhausen, Franz Roßkothen

 

 

Der Turnbesuch läßt zu wünschen übrig

Das große Interesse der männlichen Bürger nur um diese ging es in der Turnerbewegung über viele Jahrzehnte an der Vereinsmitgliedschaft, aber auch die seinerzeit noch patriotisch militärisch ausgeprägte Ausrichtung der Turnvereine machen nachvollziehbar, daß die Turnerschaft entschiedener als heute die Sportvereine großen Wert auf regelmäßige Teilnahme an den Turnabenden und den Versammlungen legen konnte. Andernfalls drohten Konsequenzen . So finden sich in den Niederschriften zahlreiche Beschlüsse, Mitglieder auszuschließen, "weil sie trotz wiederholter Aufforderung weder zur Turnstunde noch zur (6-8 Male jährlich stattfindenden) Versammlung gekommen sind." Gelegentlich waren die "Strafen" einfallsreicher: 1912 setzte die Mitgliederversammlung fest, wer ohne Entschuldigung nicht zur Versammlung komme, zahle 20 Pf Strafe, wer erst nach 1/2 10 Uhr (abends) komme, 10 Pf Strafe; diese Gelder seien der Vergnügungskasse zuzuführen; wer 6 Male hintereinander nicht erscheine, sei auszuschließen. Der heutzutage vielleicht entscheidende Ausschlußgrund, nämlich die Nichtleistung des Beitrags, spielte bei der TS Rahm lange Zeit eine sehr untergeordnete Rolle.

...

Die sportlichen Aktivitäten

Zurück zu den sportlichen Aktivitäten in der Turnerschaft Rahm. Sehr schnell erkannte man die Notwendigkeit der Nachwuchsarbeit. Schon 1907 wurde als erster Schüler H. Bruchhausen aufgenommen; die Zahl der Jugendlichen wuchs und blieb bis in die dreißiger Jahre konstant bei 15 bis 20 "Zöglingen". Der 1912 unternommene und 1919 wiederholte Versuch, eine Knabenabteilung für die 10- bis 14jährigen aufzubauen, scheiterte 1920 für lange Zeit.

Nicht durchsetzen konnte sich in der Männerwelt der TS Rahm das emanzipatorische Ansinnen in den Jahren 1927/28, eine Damenabteilung anzugliedern.

Diesem Schicksal haben auch andere Abteilungen nicht entgehen können. Die Gründung eines Wanderklubs (1912), einer Mandolinen Abteilung (1924) und einer Schwimmabteilung (1928) hatte keine Langzeitwirkung ganz im Gegensatz zu dem noch heute intensiv gepflegten Handballspiel. Als 1923 der Beschluß zur Aufstellung einer Handball und Faustballmannschaft gefaßt wurde, war diese Abteilung bei den Turnern gleichwohl ein ungeliebtes Kind. Die 17 Mitglieder, die sich spontan zum Handballspiel meldeten, mußten nicht nur für die Anschaffung des Handballs selbst aufkommen, sondern sie wurden verpflichtet, auch weiterhin "beim volkstümlichen oder Geräteturnen teilzunehmen."



1. Handball-Mannschaft im Jahre 1936

 

Auf lange Sicht ist festzustellen, daß die Handballer dem Verein entscheidende Impulse gegeben haben und bereits Mitte der zwanziger Jahre nicht nur ihren festen Platz im Vereinsleben hatten, sondern in dieser Zeit vielleicht maßgeblich den Bestand des Vereins gesichert haben. Denn die Geräteturner hatten nach dem Kriege mehrere Jahre keine rechten Übungsmöglichkeiten; zunächst verbot die Besatzungsmacht Versammlungen, dann wurde von ihr der Turnsaal bei Kornwebel belegt, danach verbot der Vereinswirt selbst das Turnen im Saal, was 1925 zur Verlegung des Vereinslokals zu Chargé führte, aber das Problem nicht löste: denn bei Chargé war der Saal zum Turnen zu niedrig! Kurzum: In jener Zeit scheint sich das Gewicht im Verein von der Turnbewegung auf den Spielsport verschoben zu haben.

...

Ein Intermezzo - Der Sportverein Rahm 22

Die TS Rahm von 1906 war seit ihrer Gründung der wichtigste Träger sportlicher Aktivitäten im Dorf. Für einige Zeit bekam sie nach dem 1. Weltkrieg "Konkurrenz" durch den Sportverein Rahm 22, der allerdings stets ein Schattendasein im Ort fristete. Er konzentrierte sich mehr auf das bei der Turnerschaft noch nicht nennenswert gepflegte Fußballspiel. Gleichwohl hielten aber die Mitglieder der TS Rahm eine Doppelmitgliedschaft in beiden Vereinen für unvertretbar; 1930 wurde tatsächlich ein Mitglied, "da es sich im Sportverein Rahm 22 aktiv betätigt, aus unserem Verein ausgeschlossen."

Im selben Jahr beantragte der Sportverein zum ersten Male die geschlossene Aufnahme seiner Mitglieder in die Turnerschaft. Diese lehnte dies allerdings wie auch drei Jahre später, als der Sportverein nur noch neun Mitglieder hatte mit der Begründung ab, man habe nichts gegen einen Übertritt, die Aufnahmeanträge müßten jedoch einzeln gestellt werden. Offenbar waren nicht alle Sportler des Sportvereins Rahm 22 der Turnerschaft genehm. 1938 löste sich schließlich der Sportverein Rahm 22 auf und die Turnerschaft Rahm 1906 übernahm das Vereinseigentum, "was freudig begrüßt wurde."

...

Die Nachkriegszeit: Der Verein wird wieder aufgebaut

Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt von der Reorganisation des Vereins. Man ging mit großem Eifer daran, alte Mitglieder zu reaktivieren und neue Mitglieder zu werben. 1947 bereits verdoppelte sich die Mitgliederzahl; über 80 Aufnahmeanträge wurden gestellt, obwohl sich der Verein einstweilen auf den Handball und mit Abstrichen auf die Leichtathletik konzentrieren mußte. Zum Turnen fehlten die Räumlichkeiten; nur notdürftig konnte man im Vereinslokal bei Wwe. Bender am Boden und Barren üben. Die ungelöste Turnhallen Frage dürfte letztlich entscheidend dafür gewesen sein, daß das Geräteturnen schließlich einschlief. Als die Stadt dem Verein 1961 eine Turnhalle in Großenbaum anbieten konnte, kam dies zu spät.

...

Bis in die siebziger Jahre blieb also das Handballspiel die bestimmende Sportart der TS Rahm. Die Festschrift zum 75jährigen Jubiläum berichtet, daß 1947 die 1. Mannschaft in der damals höchsten deutschen Spielklasse spielte. Wichtiger war wohl der Aufstieg in die Gauklasse im Jahre 1951, der festlich begangen wurde.

Die neuen Sportarten: Fußball und Tennis

Entscheidende Weichenstellungen nahm der Verein schließlich 1972 vor. Zum einen bildete sich die längst überfällige Fußballabteilung, zum anderen wurde der Grundstein für den Rahmer Tennissport gelegt.

Eigentlich verwundert es, daß der Fußballsport so spät in Rahm Fuß gefaßt hat. Dies hängt vermutlich mit dem Selbstverständnis der TS Rahm zusammen: So wie die Mitglieder in den zwanziger Jahren bereits auf der vollen Integration des Sportvereins Rahm 22 in die Turnerschaft erfolgreich bestanden hatten, lehnten sie 1945 und 1960 eine Fusion mit dem fußballspielenden TuS Großenbaum ab. Erst als sich TuS und DJK Adler Großenbaum zur heutigen GSG Duisburg zusammenschlossen, traten zahlreiche Fußballinteressierte dieser Vereine der TS Rahm bei, was für die Gründung der Fußballabteilung den Ausschlag gab, zumal der Sportplatz vorhanden war. Von Beginn an wurde eine intensive Jugendarbeit betrieben, wie übrigens auch in der Handballabteilung.


Der Fußball-Nachwuchs im Mai 1991. Eine gute Jugendarbeit zeigt ihre Früchte.

 

 

Mit dem Aufbau der Tennisabteilung, die hinter dem Sportplatz ein ideales Clubgelände mit inzwischen 6 Tennisplätzen nutzen kann, folgte der Verein einer neuen Schwerpunktsetzung im Breitensport. Im Jahre 1993 ist die Tennisabteilung mit rund der Hälfte der 700 Vereinsmitglieder die stärkste der drei sportlichen Säulen der TS Rahm. Der Verein ist zum Großverein avanciert. Die Turnbrüder Atmosphäre der Gründerzeit, auch der unmittelbaren Nachkriegszeit, ist nicht wiederbringlich. Der Bau des eigenen Vereinshauses am Sportplatz und des Tennisclubhauses mit hohem persönlichen Einsatz der Mitglieder hat andere Akzente im Vereinsleben gesetzt als diejenigen, die in den früheren Vereinslokalen Kornwebel, Chargé, Bender und Schenkel diskutiert wurden. Der gestiegene Finanzbedarf für Platzausbau, Flutlichtanlage, Übungsleiter usw. und die Inanspruchnahme öffentlicher Mittel ließen die Eintragung der Turnerschaft Rahm von 1906 in das Vereinsregister (1963) logisch erscheinen.

Heute ist der Verein ein bedeutender Faktor für das Dorfleben. Der Organisationsgrad der Rahmer in der Turnerschaft ist erstaunlich hoch und beneidenswert; und es gibt keinen Zweifel daran, daß es der sportlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Rahms gut tun würde, wenn im Ort angemessene Hallen Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung stünden. Die Situation in Angermund ist ein deutlicher Beleg. Die inzwischen jahrzehntelange Diskussion um das Hallenprojekt - selbst wenn diese als "kleine Lösung" in erster Linie für die Rahmer Grundschulkinder gebaut werden würde - ist nicht gerade ein Beispiel für Entscheidungsfreudigkeit und Konsensbereitschaft.

...

Die Gründungsmitglieder der TS Rahm von 1906
Peter Bruchhausen, Wilh. Braun, Wolf Bernhausen, Peter Fink, Wilh. Gräfer, Eberh. Hollmann, Joh. Holtschneider, Heinr. Jägers, Joh. Kirschbaum, Wilh. Knaup, Wilh. Kirschbaum, Wilh. Koch, Franz Kürten, Hugo Kamp, Hubert Merks, Heinr. Müller, Hubert Müller, Franz Roßkothen, Fritz Scharnholz, Joh. Schmidt, Andreas Sonnen, Johann Sonnen, Franz Tümmers, Casp. Tegethoff, Josef Viehoff, Joh. Maaßen

Die Damenriege von 1928
Gertr. Chargé, Gertr. Merks, Maria Hamacher, Maria Wollny, Elisabeth Klingen, Elisabeth Zweipfennig, Lenchen Wollny, Juliane Wollny, Therese Stockhausen, Anna Franken, Lenchen Franken, Käthe Jakobs, Grete Jabobs, Hedwig Schnippering, Grete Ortmanns, Adele Fohwinkel, Christin Fohwinkel.

 

Quellen:


Auszüge aus dem "Rahmer Heimatbuch"

Mit freundlicher Genehmigung der Autoren:

Hans Bodemer, Günther Both, Wilfrid Braun, Volkhard Riechmann

 
 

 

Weitere Quellen:
Protokollbücher der Turnerschaft Rahm von 1906 e.V. ab Gründung
Festschrift 25 Jahre Turnerschaft Rahm, 1931
Festschrift 75 Jahre Turnerschaft Duisburg-Rahm 06 e.V.